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Dorothee Sölle

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    Dorothee Sölle

    Als klassischer Adenauer-Konservativer ärgern mich theologische (Radikalisierung und Charismatisierung der Evangelischen Allianz) und politische (AfD, Pegida etc.) Entwicklungen in meinem größeren Beritt. Von daher sehe ich vom Grundsatz her den nordkirchlichen main stream weitaus milder. Das heutige als Credo verlesene "Politische Nachtgebet" erweckten jedoch den alten kalten Krieger in mir.

    Mir fiel vor allen Dingen folgender Text auf:
    Vortrag von Dorothee Sölle am 7. Oktober 1977 in Paris bei der Verleihung des Ehrendoktors der Freien Fakultät für Protestantische Theologie aus Anlass des 100. Geburtstages der Fakultät. Wir dokumentieren diesen Vortrag genau 35 Jahre, nachdem er gehalten wurde....

    #2
    Mich stört daran vor allen Dingen die Bagatellisierung der Schikanen gegen Christen im damaligen Ost-Block. Wenn man sich vor Augen führt, dass die Rede 15 Monate nach der Selbstverbrennung von Pfarrer Brüsewitz gehalten wurde, ist der Eindruck um so stärker.

    Mir kamen dabei Worte des des Rechtsradikalismus unverdächtigen Karl Barth in den Sinn, der einmal (Brief an Walter Herrenbrück vom 31.10.1967) über sie: schrieb "Sie ist ein bemerkenswertes Exempel - "Modell" würde sie sagen -, daß man zugleich ganz blitzgescheit und ebenso ganz geistlos sein kann."

    Apropos Barth: Warum ist das Haus in Hamburg-Altona nach ihr benannt und nicht nach Barths Weggefährten Hans Asmussen (Großonkel der Lübecker Asmussens), der ja örtlich durch sein Altonaer Bekenntnis viel näher lag? Liegt das vielleicht daran, dass Asmussen - im Gegensatz zu Barth - nach 1945 Unterstützer Konrad Adenauers war?

    Mein Groll soll allerdings nicht verdecken, dass ich für liveline dankbar bin.

    Herzliche Grüße
    TimP

    PS: Solche Diskussionen sind mir lieber als die Korrespondenzen etc. mit einem Nordkirchenkreis (nicht Lübeck-Lauenburg) über mutmaßlichen sexuellen Missbrauch. Auch dank unserer hervorragenden Präventionsbeauftragten, Frau Timmermann, geht es da aber voran.

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      #3
      Das Unbehagen an dem Umstand, dass der Text von Dorothee Sölle im heutigen Gottesdienst das apostolische Glaubensbekenntnis ersetzte, finde ich verständlich. Dass Dorothee Sölle - wie jeder andere Mensch - in ihrem Leben so manchem größeren Irrtum unterlegen ist, sollte meines Erachtens allerdings kein Grund sein, Texte von ihr nicht so wie heute im Gottesdienst zu verwenden, auch wenn damit bewusst zugespitzt werden soll. Gleichwohl war der heutige Gottesdienst (sowohl in der Kapelle als auch im Live-Chat) für mich ein Beispiel dafür, wie groß die Gefahr ist, in der besten Absicht, mit zugespitzten Worten willkürliche Abgrenzung, Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu bekämpfen, übers Ziel hinauszuschießen und auch selbst - wenngleich ganz anders als auf die angeprangerte Art - durch willkürliche Abgrenzungen letztlich ausgrenzend zu wirken. Ich habe Hochachtung vor der Bereitschaft, öffentlich anprangernde Worte ganz besonders gegen sich selbst zu richten, wie es in der heutigen Predigt der Fall war, und vor der konsequent darauf bezogenen fragenden und bittenden Haltung zum Schluss. Verschiedene Schlagworte (in der Kapelle und im Chat) schienen mir dann aber doch mit dem Risiko einer tendenziell ausgrenzenden Wirkung behaftet zu sein, obwohl die Botschaften, die damit vermittelt werden sollten, vermutlich im Kern ziemlich konsensfähig unter allen Beteiligten waren.
      Zuletzt geändert von Andreas K.; 21.03.2021, 19:43.

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        #4
        Lieber Andreas K.,

        vielen Dank für Ihre Antwort, die mich die heutige Predigt hat noch einmal hören lassen. Die selbstkritischen Worte von Vikarin Ost sind in der Tat beeindruckend.

        Sie haben recht, ich hätte Bekenntnis und 77er Text von Dorothee Sölle nicht so vermengen sollen. Dennoch denke ich, dass es da ein tertium comparationis gibt. Ich erkenne im Bekenntnis und im zitierten Text eine Unerbittlichkeit (wobei ich da zugegebenermaßen auch aufpassen muss), die auf andere Weise durchaus auch von rechtsaußen kommen könnte:

        im Bekenntnis:
        - Jesus, natürlich ein Sozialrevolutionär (gibt das die Bibel her? M.E. gerade nicht)
        - Die aktuellen gesellschaftlichen Zustände, selbstverständlich so, dass sie verwandelt werden müssen (Über den Sozialphilosophen G. Rohrmoser kann und - für seine Endphase - muss man sicherlich streiten, ich denke in der aktuellen Situation (AfD etc.) aber häufig an einen an linke Studenten gerichteten Satz von ihm, dass auf den von den Studenten erwünschten Sturz der Bundesrepublik keine sozialistische Utopie, sondern der Autoritarismus folgen werde)

        im zitierten Text:
        - die Proteste gegen die Wirtschaftspolitik Allendes - damit will ich nicht den Putsch oder gar die Pinochet-Diktatur legitimieren - nur inszeniert von korrupten Menschen
        - die Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Ostblock, natürlich CIA-Propaganda
        (Auch in der Gefahr jetzt als Hufeisenwerfer zu gelten: Unterscheidet sich das so sehr von manch heutigen rechtslastigen Verschwörungstheorien?)

        In der Hoffnung und Annahme, dass wir da nicht so weit auseinander liegen,

        grüßt herzlich
        TimP

        PS: Haben Sie mal was zu E. Heimann gemacht?
        Dann vielleicht ganz interessant:

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          #5
          Ja, das sehe ich ähnlich. Vielen Dank für diese Ausführungen, die hoffentlich noch mehr Beachtung finden. Auch den Hinweis auf den Beitrag über Eduard Heimann finde ich sehr wertvoll. Gerade in der Nordkirche sollte sein verdienstvolles Wirken in Hamburg gewürdigt werden.
          Zuletzt geändert von Andreas K.; 22.03.2021, 20:39.

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            #6
            Ich brauche beinahe Mut, um meine leise Befremdung zuzugeben. Dabei bin ich reiner Laie und möchte auch gar nicht anfangen, theologisch zu argumentieren. Aber vor vielen Jahren entschied ich mich für die Taufe in einer Freikirche, weil mir die Vermengung von Glauben und Politik missfiel, für die damals gerade Dorothee Sölle stand. An den Satz " ich glaube an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat", erinnere ich mich besonders gut. Nein, ich glaube als Christin an einen Gott, der es gut gemacht hat. Sölles Gedanken waren mir fremd, und ein Glaube, der an Gottes Schöpfung zweifelt, hätte mich trostlos gemacht.
            Die Würde eines jeden Menschen ist für mich genau darin begründet, im Dasein als Gottes wunderbare Schöpfung. Das ist die biblische Antwort auf alle Fragen nach Aussehen, Herkunft, Leistungsfähigkeit. Und da sehe ich auch unsere Verantwortung als Christen, das müssen wir ernsthaft leben.
            Zuletzt geändert von Frauke; 23.03.2021, 11:28.

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              #7
              Es freut mich zu lesen wie engagiert die #liveline-Gottesdienste mitverfolgt werden. Wie schön, dass es da das Forum und den Live-Chat für persönlichen und inhaltlichen Austausch gibt.

              Was Dorothee Sölle und ihr Glaubensbekenntnis betrifft, denke ich, dass sie in der Gesamtheit Ihrer Person natürlich durchaus auch strittig ist. Genau wie wir alle nicht perfekt sind und von verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden.

              Ich schätze an Dorothee Sölle sehr ihre Perspektive auf die Verantwortung von uns Menschen für uns Menschen, also für die Schöpfung Gottes. Und diesen Aspekt schätze ich unabhängig von ihrem starken politischen Auftreten. Sie erinnert mich immer wieder daran, dass noch nicht alles für Alle in dieser Welt gut ist. Sie ist mir stets ein Ruf zum Wachbleiben und zum Augen-offen-Halten vor dem Leid, was Menschen in dieser Welt erfahren. Und sie ist mir ein Ruf selbst aufzustehen und etwas zu verändern und am Frieden dieser Welt weiterzuarbeiten und mich als Christin für das Wohl der guten Schöpfung Gottes immer wieder einzusetzen.

              Schön, dass Sie sich hier so rege und offen einbringen und ich wünsche Ihnen allen noch eine gesegnete Woche!

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              • Kerstin
                Kerstin kommentierte
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                Vielen Dank für diese Einschätzung. Ich habe das Glaubensbekenntnis von Dorothee Sölle genau so verstanden und auch so positiv aufgenommen. Ich habe den Moment genießen können, in dem es vorgetragen wurde. Es hat mich auch nachdenklich werden lassen. Wahrscheinlich hat mir gerade meine Unkenntnis über den teilweise politisch geprägten Gesamtzusammenhang diese Möglichkeit gegeben, meine eigenen Gedanken dazu entwickeln zu können. Ich fand im Übrigen auch die Predigt über Rassismus sehr einprägsam und toll dargestellt!

              #8
              Nach den sehr versöhnlichen und freundlichen Worten von Vikarin Ost, nur noch zwei Dinge:

              @Frauke: Vom Prinzip her sehe ich das ähnlich. Als von Vertretern der früheren Übersetzung des Credo (s. den Thread von Frau Lerch) geprägter Laie bin ich zugegebenermaßen ziemlich Streng. Im Credo von Dorothee Sölle sehe ich kaum noch altkirchliche Glaubenssubstanz aufgehoben. Freilich sehe ich in Teilen evangelikalen Bereichs die Tendenz kritisch, bei theologischer Gegnerschaft den pers. Glauben abzusprechen. Das steht uns mE nicht zu.

              @AndreasK: Vielen Dank auch für die Worte zum meinem Heimann-Link. Derjenige, der über Paul Tillichs Petrus - in solchen Dimensionen hat der theologische Aufbruch des 20. Jahrhunderts gedacht - referiert, ist mein Doktorvater, Prof. Dr. Heinz Rieter.
              Vielleicht von ihm zu Heimann noch interessant:
              Das Hauptgebäude der Universität Hamburg als Gedächtnisort. Mit sieben Porträts in der NS-Zeit vertriebener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (d-nb.info)
              100 Jahre Hauptgebäude der Universität Hamburg. Reden der Festveranstaltung am 13. Mai 2011 und anlässlich der Benennung der Hörsäle H und K im Hauptgebäude der Universität nach dem Sozialökonomen Eduard Heimann (1889–1967) und dem Juristen (uni-hamburg.de)
              Mit der These Ihres Projekts, dass da die christlichen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft ausgeforscht seien, stehe ich als Ordoliberaler freilich auf Kriegsfuß und verweise etwas eitel auf mein Publikationsverzeichnis:
              Steuerberater Dr. Tim Petersen - Publikationen (steuerberater-travemuende.de)

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                #9
                Die zitierte These bezüglich der Sozialen Marktwirtschaft habe ich so nie vertreten, und ich würde es auch nicht tun. Allerdings scheint es mir beim Religiösen Sozialismus des Kreises um Paul Tillich in der Tat noch einiges zu erforschen zu geben und die theologische Sozialethik diesem Themenbereich in jüngerer Vergangenheit deutlich weniger Aufmerksamkeit zugewandt zu haben, als es beim Ordoliberalismus der Fall war (z.B. in den Arbeiten von G. Brakelmann und T. Jähnichen). Leider habe ich zurzeit nicht die Kapazitäten, mich damit intensiver zu beschäftigen, obwohl ich beide Richtungen hochinteressant finde.

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                  #10
                  Liebe Vikarin Ost und Iieber TimP,
                  Ich bin leicht besorgt, missverstanden worden zu sein. Das Wort " evangelikal" macht mir nämlich gar keine guten Gefühle.
                  Mir wurde nur klar, mit wie verschiedenen Vorerfahrungen wir uns hier versammeln. Es ist vor allem spannend für mich. Liebe Vikarin Ost, ich finde Ihre Haltung ganz wunderbar, keinesfalls verstehe ich die Bibel als etwas Weltabgewandtes. Jesus Christus hat uns gesagt, dass wir handeln sollen, nicht nur beten. Oh ja! Nur, ich stamme aus einer nicht christlichen Familie und entschied als erste, mich taufen zu lassen. Natürlich war mein erster Kirchentag in den 80gern grauenhaft, ich wollte glauben lernen und traf nur auf Friedensbewegte und Umweltbesorgte. Ein kleines Dorothee-Sölle-Trauma vielleicht, das mich damals in eine Baptistengemeinde führte? Die Enge dort, theologisch wie zwischenmenschlich, habe ich allerdings nicht lang ertragen. Darum macht mir Evangelikalität weit mehr Bauchweh als eine politische Predigt. Ganz persönlich ist trotzdem dieses Wissen, dass mein Gott es gut gemacht hat mit mir, dass wir alle seine wunderbare Schöpfung sind, egal wie wir aussehen und was wir tun, meine unpolitisch bleibende Glaubensantwort auf Rassismus und jede andere Form der Diskriminierung. Das ist der Weg, den ich persönlich gehen kann in einem nicht ganz unkomplizierten Leben. Aber bitte seien Sie beide ganz unbesorgt, nichts interessiert mich weniger als Debatten um den richtigen Glauben. Ich bin vielleicht ein Wanderer zwischen den Kirchenwelten.

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                    #11
                    "Wanderer zwischen den Kirchenwelten" - das gefällt mir gut! In gewisser Hinsicht kann ich mich auch als einen solchen bezeichnen, obwohl ich mich seit meiner Kindheit immer sehr bewusst dem landeskirchlichen Christentum zugehörig gefühlt habe. Von den Liveline-Gottesdiensten habe ich aber im März 2020 zu allererst von einem Mitglied der Lübecker Baptistengemeinde erfahren. Wahrscheinlich gibt es in diesem Kreis so einige Wandernde...

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                      #12
                      Den Dialog hier im Forum zum Thema "Dorothee Sölle" finde ich sehr spannend. Soviele Gedanken habe ich mir beim Verlesen des Glaubensbekenntnisses nicht gemacht, fand einfach die mal etwas andere Art noch gut, d.h. sehr Gedanken anregend. Ueber die Person Sölle wusste ich wenig, jetzt ein bisschen mehr und die Auseinandersetzung mit dem letzten Gottesdienst lenkt mich von meiner Person und meinem Leiden ab. Aus gesundheitlichen Gründen darf ich keine Maske tragen und jetzt wurde mir in einem Röngteninstitut deswegen ein CT-Schädel verweigert, das dringend nötig wäre. Ich komme mir als Mensch zweiter Klasse vor und eine Bedrohung für die Menschheit. Es ging mir nicht gut und die Gedanken kreisten nur noch um mich um meine Situtation. Hier im Forum vorbeizuschauen und zu lesen, was geschrieben steht, tut mir gut. Ich bin fähig von mir wegzusehen, andere und ihre Wahrnehmungen und Verschiedenheiten wahrzunehmen und so selber ins studieren zu kommen. Was meint Tim? Was sagt Frauke? Andreas? etc.etc. Danke für euren Austausch, eure Gedanken und das liveline-Team für den Mut das andere Glaubensbekenntnis ausgestrahlt zu haben.

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                        #13
                        Eine solche Erfahrung stelle ich mir sehr belastend vor. Hoffentlich geht es mit der Gesundheit bald aufwärts.
                        Zuletzt geändert von Andreas K.; 26.03.2021, 22:47.

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                          #14
                          Liebe Johanna, ich wünsche ihnen, diese Kränkung bald verwinden zu können. Es ist doch mit Sicherheit nicht persönlich gemeint. Und vielleicht sehen wir uns morgen im Gottesdienst? Ein schönes und abgelenktes Wochenende!

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                            #15
                            @Frauke: Entschuldigung, dass ich Sie da falsch eingetütet habe. Ihre baptistischen Erfahrungen kann ich durch einen Kurzzeitaufenthalt im Kaufmannsevangelikalismus und nachfolgender Beschäftigung mit dem Thema "Geistlicher Missbrauch" nachvollziehen.

                            @AndreasK: Mit der Position gehe ich völlig d'accord. Mein Doktorvater wird sich über Ihre Auffassung zu Heimann freuen. Von Ihrem Projekt las ich vor einigen Jahren, ich hatte damals überlegt zu mailen. Lustig und schön zugleich, dass wir uns jetzt so über den Weg laufen.

                            @Johanna: Schön, dass wir mit der Theologisierei, die bei mir nur laienhaft ist, Ablenkung bieten konnten. Ansonsten: Gute Besserung!

                            @etwaig mitlesende Ordinierte und die, die es noch werden wollen: Apropos Brüsewitz: Wäre die Gegenüberstellung des SED-amtlichen "Ohne Gott und mit viel Sonnenschein fahren wir die Ernte ein" zu seinem "Ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott" nicht Anregung für eine Erntedankpredigt?

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